19.02.2010
Vontobel präsentiert neue Studie
In nur knapp zwei Jahrzehnten sind die Schwellenländer Asiens zu einer wichtigen Wirtschaftsmacht aufgestiegen und bieten damit hochdynamische Anlagemöglichkeiten. Starke Fundamentaldaten und ein solides Wachstum sind
der Nährboden für die Attraktivität dieser Region. Als Wirtschaftsstandort genauso wie innerhalb von Anlageportfolios wird die Bedeutung dieser Region zukünftig stark zunehmen. Wie so oft bedingt die Erschliessung aussergewöhnlicher Chancen allerdings ein fundiertes Verständnis der damit verbundenen Risiken.
Dieses Thema steht im Zentrum der vorliegenden Studie. Ziel ist es, Anlegern ein umfassendes Verständnis der Anlagechancen und gleichzeitig einen vertieften Einblick in die Art der Risiken sowie deren Ausmass zu vermitteln. Das rasche Wirtschaftswachstum in den Schwellenmärkten Asiens stellt die Region vor einige der weltweit dringlichsten Herausforderungen in Bezug auf Ökologie,
Soziales und Governance. Herkömmliche Risikokonzepte erschliessen dies jedoch unzureichend, obwohl eine entsprechende Positionierung von Unternehmen massgeblich deren Bewertung beeinflussen kann.
Auf Umweltebene verursacht die welthöchste Abholzungsrate eine beträchtliche Luftverschmutzung und eine Zunahme des Flut- und Dürrerisikos. Die durch brennende Wälder, Transportmittel und Industrie verursachte Luftbelastung verdichtet sich über den Schwellenländern Asiens zu einer giftigen, braunen Riesenwolke, die selbst vom All aus erkennbar ist. So übertrifft beispielsweise die Partikelkonzentration in der Luft Indonesiens diejenige Zürichs oder New Yorks um das fünffache. Daraus ergeben sich schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung sowie den Zugang von Unternehmen zu gesunden und qualifizierten Arbeitskräften und sauberen Produktionsbedingungen.
Auf sozialer Ebene sehen sich Anleger mit möglichen Skandalen, Boykotten und Gerichtsprozessen wegen prekären Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und Produktqualitätsproblemen konfrontiert. Zudem werden verlässliche Rechts- und Betriebsführungsstrukturen – das Fundament jeder attraktiven Anlage – durch konzentrierte Aktionärsstrukturen, Regulierungslücken, mangelhaften Gesetzesvollzug sowie komplexe Rechtsstrukturen begrenzt.
Das ausserordentliche Ausmass dieser Nachhaltigkeitsrisiken wirft die Frage auf, wie Gesellschaften in asiatischen Schwellenländern damit umgehen, und ob dies von der EU und den USA (dem «Westen») abweicht. Zur Klärung dieser Frage analysierten wir die Treiber der Nachhaltigkeitsthematik im Westen sowie in Asien, und erkannten grundlegende Unterschiede. Die Kenntnis dieser massgeblichen Unterschiede ist äusserst wichtig, um Nachhaltigkeitsfragen in verschiedenen Märkten korrekt einschätzen zu können.
Zu Beginn der Analyse untersuchten wir Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung, der Machtverteilung und in der Kultur. Die Bürger im Westen gingen die immer offensichtlicheren ökosozialen und Governance-Probleme der Industrialisierung schon historisch durch Bürgerrechtsbewegungen an, in dem sie sich in Nichtregierungsorganisationen oder politischen Parteien engagierten.
Dies entspricht also einem «bottom-up approach». Immerhin hatten westliche Gesellschaften auch eine komfortable Ausgangslage: frühes und stetes Vermögenswachstum, diversifizierte Machtverteilung und Wertesysteme, die den Individualismus und die Wahrheitssuche fördern. Dies steht in starkem Kontrast zur Positionierung des Nachhaltigkeitsthemas in Asiens Schwellenländern. Bürgerbewegungen üben noch sehr wenig Druck aus (allerdings ändert sich dies rasch mit zunehmendem Wohlstands- und Freiheitsgrad). Gründe hierfür sind der rasante wirtschaftliche Wandel, der die Menschen vollauf beschäftigt, die begrenzte Freiheit aufgrund der hohen Machtkonzentration in Politik und Geschäftswelt und Wertesysteme, die auf Harmonie und das Durchstehen adverser Situationen ausgerichtet sind. Dass keine Volksstimme zur nachhaltigen Entwicklung mahnt, bedeutet allerdings nicht, dass das Thema vernachlässigt wird.
Diese Meinung scheint jedoch weit verbreitet zu sein. Im Gegensatz zum Westen basiert das Nachhaltigkeitsengagement in Asiens Schwellenländern nicht auf gesellschaftlichem Druck. Vielmehr beruht es auf Aktivitäten der Regierungen von China bis Indonesien, die mit weitaus mehr Problemen aus den Bereichen Ökologie, Soziales und Governance konfrontiert werden als die westlichen Regierungen. Wichtige Ressourcen gehen zur Neige, die Umweltbelastung beschränkt die weitere Entwicklung und übersteigt die Aufnahmefähigkeit der Erde, Kinderarbeit und andere Missstände werden immer öfter angeprangert, und Anleger scheuen die risikobehafteten Rechts- und Governancestrukturen.
Diese Dringlichkeit, verbunden mit der Durchsetzungskraft oftmals unzimperlicher Regierungen, hat den positiven Effekt, dass Veränderungen enorm schnell durchgeführt werden. Beispielsweise zwang die Chinesische Regierung schon 2006 tausende von Fabriken zur Schliessung aufgrund der zu hohen Umweltbelastung.
Einen weiteren grossen Unterschied fanden wir in der Prioritätensetzung:
Asiatische Gesellschaften legen den Fokus eher auf soziale Fragen, derweil anderswo ökosoziale und Governance-Aspekte in etwa gleichwertig behandelt werden. Ein Grund hierfür liegt im unmittelbaren Einfluss sozialer Initiativen auf das Leben der Menschen und der Verfügbarkeit von Ressourcen für Firmen in Asien. Asiens Fokus auf soziale Themen basiert auch auf der harmonieorientierten Kultur und dem Ideal einer funktionierenden Gesellschaft auf Basis des «richtigen» Umgangs miteinander.
Anleger, die solche spezifischen Treiber und Merkmale der Nachhaltigkeitsthematik in Asien nicht berücksichtigen, unterschätzen womöglich die laufenden Bemühungen und das mitunter erstaunliche Umsetzungstempo. Demnach bergen die Schwellenländer Asiens besonders hohe Nachhaltigkeitsrisiken, die in Anlageprozesse mit einbezogen werden müssen. Dabei gilt es aber auch, regionale Charakteristiken zu berücksichtigen.
Wie dabei vorzugehen ist, prüften wir anhand der Situation nachhaltiger Anlagen in asiatischen Schwellenländern. Die Analyse brachte ein beträchtliches Gewinnpotenzial zu Tage. Die Verfügbarkeit aufschlussreicher Daten zur Nachhaltigkeit asiatischer Firmen wird von Anlegern offenbar unterschätzt. Neben staatlichen Vorschriften beeinflussen auch die Börsen Asiens durch entsprechende Richtlinien und die Lancierung von Nachhaltigkeitsindizes die Nachhaltigkeits-Berichterstattung von Unternehmen massgeblich.
Dank der stark angestiegenen Datenverfügbarkeit können bereits heute die jeweils nachhaltigsten Unternehmen identifiziert werden. Für Anleger ist dabei besonders entscheidend, dass die Unterschiede zwischen den Nachhaltigkeitsvorreitern und den Schlusslichtern in Asien heute weit grösser sind als in Industrieländern – mit den entsprechenden Risiken und Chancen.
Dennoch sind nachhaltige Anlageansätze in Asien mit einem Volumen von ca. USD 20 Milliarden im Jahr 2009 noch in der Entwicklungsphase. Nachhaltige Anlagen in Asien machen damit nur ca. 0.4 % aller weltweit verwalteten nachhaltigen Anlagen aus. Studien ergeben, dass Anleger signifikante Beträge von dieser fundamental hochinteressanten Region fernhalten. Sie sind unsicher, wie sie Nachhaltigkeitsrisiken begrenzen und gleichzeitig Anlagechancen nutzen sollen. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von nachhaltigkeitsbezogenen Daten und Finanzprodukten könnten sich die nachhaltig verwalteten Vermögen
in Asiens Schwellenländern dem globalen Durchschnitt angleichen und bis 2015 auf USD 1.5– 4 Billionen ansteigen.
Dafür sind aber Produkte notwendig, die auf genügend Ressourcen und Fähigkeiten basieren, um entsprechend Daten richtig einschätzen und in den Anlageprozess integrieren zu können. Für Anleger wichtig sind: ein klar definierter Ansatz zur Abgrenzung von Nachhaltigkeitsvorreitern und -Schlusslichtern sowie Nachhaltigkeitsexperten und Portfoliomanager mit lokaler Erfahrung und eindeutig definierter Zuständigkeit. Weiterhin deuten glaubhafte,
informative und aussagekräftige Publikationen zu Finanzdaten und Nachhaltigkeitsfragen auf Meinungsführerschaft hin und können Anlegern aufschlussreiche Informationen bieten.
Aus ethischer Sicht kommt den Anlegern eine zentrale Rolle zu. Sie beeinflussen die Priorität massgeblich, die Gesetzgeber und Unternehmensführer der nachhaltigen Entwicklung beimessen. Da aber die Nachhaltigkeitsinitiativen
und Datenverfügbarkeit nach wie vor unterschätzt werden, ist dieses wichtige Thema noch nicht in der Bewertung von Unternehmen und Wertpapieren berücksichtigt.
Das starke fundamentale Wachstumspotenzial von Anlagen in Asiens Schwellenländern und eine solche asymmetrische Informationslage eröffnen Anlegern und Vermögensverwaltern hochattraktive Chancen auf Portfoliogewinne, sowie Letzteren eine vorteilhaftere Wahrnehmung ihrer treuhänderischen Pflichten. Die gesamte studie in englischer sprache können sie hier herunterladen.

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