Vontobel präsentiert neue Studie
In nur knapp zwei Jahrzehnten sind die Schwellenländer
Asiens zu einer wichtigen Wirtschaftsmacht aufgestiegen
und bieten damit hochdynamische Anlagemöglichkeiten.
Starke Fundamentaldaten und ein solides Wachstum sind
der Nährboden für die Attraktivität dieser Region. Als
Wirtschaftsstandort genauso wie innerhalb von Anlageportfolios
wird die Bedeutung dieser Region zukünftig
stark zunehmen. Wie so oft bedingt die Erschliessung aussergewöhnlicher
Chancen allerdings ein fundiertes Verständnis
der damit verbundenen Risiken. Dieses Thema
steht im Zentrum der vorliegenden Studie. Ziel ist es,
Anlegern ein umfassendes Verständnis der Anlagechancen
und gleichzeitig einen vertieften Einblick in die Art der Risiken
sowie deren Ausmass zu vermitteln.
Das rasche Wirtschaftswachstum in den Schwellenmärkten
Asiens stellt die Region vor einige der weltweit
dringlichsten Herausforderungen in Bezug auf Ökologie,
Soziales und Governance. Herkömmliche Risikokonzepte
erschliessen dies jedoch unzureichend, obwohl eine
entsprechende Positionierung von Unternehmen massgeblich
deren Bewertung beeinflussen kann. Auf Umweltebene
verursacht die welthöchste Abholzungsrate eine
beträchtliche Luftverschmutzung und eine Zunahme des
Flut- und Dürrerisikos. Die durch brennende Wälder,
Transportmittel und Industrie verursachte Luftbelastung
verdichtet sich über den Schwellenländern Asiens zu
einer giftigen, braunen Riesenwolke, die selbst vom All aus
erkennbar ist. So übertrifft beispielsweise die Partikelkonzentration
in der Luft Indonesiens diejenige Zürichs oder
New Yorks um das fünffache. Daraus ergeben sich schwerwiegende
Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung sowie
den Zugang von Unternehmen zu gesunden und qualifizierten
Arbeitskräften und sauberen Produktionsbedingungen.
Auf sozialer Ebene sehen sich Anleger mit möglichen
Skandalen, Boykotten und Gerichtsprozessen wegen
prekären Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und Produktqualitätsproblemen
konfrontiert. Zudem werden verlässliche
Rechts- und Betriebsführungsstrukturen – das Fundament
jeder attraktiven Anlage – durch konzentrierte Aktionärsstrukturen,
Regulierungslücken, mangelhaften Gesetzesvollzug
sowie komplexe Rechtsstrukturen begrenzt.
Das ausserordentliche Ausmass dieser Nachhaltigkeitsrisiken
wirft die Frage auf, wie Gesellschaften in asiatischen
Schwellenländern damit umgehen, und ob dies von
der EU und den USA (dem «Westen») abweicht. Zur
Klärung dieser Frage analysierten wir die Treiber der Nachhaltigkeitsthematik
im Westen sowie in Asien, und erkannten
grundlegende Unterschiede. Die Kenntnis dieser
massgeblichen Unterschiede ist äusserst wichtig, um
Nachhaltigkeitsfragen in verschiedenen Märkten korrekt
einschätzen zu können.
Zusammenfassung
Zu Beginn der Analyse untersuchten wir Unterschiede in
der wirtschaftlichen Entwicklung, der Machtverteilung
und in der Kultur. Die Bürger im Westen gingen die immer
offensichtlicheren ökosozialen und Governance-Probleme
der Industrialisierung schon historisch durch Bürgerrechtsbewegungen
an, in dem sie sich in Nichtregierungsorganisationen
oder politischen Parteien engagierten. Dies
entspricht also einem «bottom-up approach». Immerhin
hatten westliche Gesellschaften auch eine komfortable
Ausgangslage: frühes und stetes Vermögenswachstum,
diversifizierte Machtverteilung und Wertesysteme, die
den Individualismus und die Wahrheitssuche fördern. Dies
steht in starkem Kontrast zur Positionierung des Nachhaltigkeitsthemas
in Asiens Schwellenländern. Bürgerbewegungen
üben noch sehr wenig Druck aus (allerdings ändert
sich dies rasch mit zunehmendem Wohlstands- und
Freiheitsgrad). Gründe hierfür sind der rasante wirtschaftliche
Wandel, der die Menschen vollauf beschäftigt, die
begrenzte Freiheit aufgrund der hohen Machtkonzentration
in Politik und Geschäftswelt und Wertesysteme, die
auf Harmonie und das Durchstehen adverser Situationen
ausgerichtet sind. Dass keine Volksstimme zur nachhaltigen
Entwicklung mahnt, bedeutet allerdings nicht, dass
das Thema vernachlässigt wird. Diese Meinung scheint
jedoch weit verbreitet zu sein. Im Gegensatz zum Westen
basiert das Nachhaltigkeitsengagement in Asiens Schwellenländern
nicht auf gesellschaftlichem Druck. Vielmehr
beruht es auf Aktivitäten der Regierungen von China bis
Indonesien, die mit weitaus mehr Problemen aus den Bereichen
Ökologie, Soziales und Governance konfrontiert
werden als die westlichen Regierungen. Wichtige Ressourcen
gehen zur Neige, die Umweltbelastung beschränkt die
weitere Entwicklung und übersteigt die Aufnahmefähigkeit
der Erde, Kinderarbeit und andere Missstände werden
immer öfter angeprangert, und Anleger scheuen die
risikobehafteten Rechts- und Governancestrukturen. Diese
Dringlichkeit, verbunden mit der Durchsetzungskraft oftmals
unzimperlicher Regierungen, hat den positiven Effekt,
dass Veränderungen enorm schnell durchgeführt werden.
Beispielsweise zwang die Chinesische Regierung schon
2006 tausende von Fabriken zur Schliessung aufgrund der
zu hohen Umweltbelastung.
Einen weiteren grossen Unterschied fanden wir in der Prioritätensetzung:
Asiatische Gesellschaften legen den Fokus
eher auf soziale Fragen, derweil anderswo ökosoziale und
Governance-Aspekte in etwa gleichwertig behandelt
werden. Ein Grund hierfür liegt im unmittelbaren Einfluss
sozialer Initiativen auf das Leben der Menschen und der
Verfügbarkeit von Ressourcen für Firmen in Asien. Asiens
Fokus auf soziale Themen basiert auch auf der harmonieorientierten
Kultur und dem Ideal einer funktionierenden
Gesellschaft auf Basis des «richtigen» Umgangs miteinander.
Anleger, die solche spezifischen Treiber und Merkmale
der Nachhaltigkeitsthematik in Asien nicht berücksichtigen,
unterschätzen womöglich die laufenden Bemühungen
und das mitunter erstaunliche Umsetzungstempo.
Demnach bergen die Schwellenländer Asiens besonders
hohe Nachhaltigkeitsrisiken, die in Anlageprozesse mit
einbezogen werden müssen. Dabei gilt es aber auch, regionale
Charakteristiken zu berücksichtigen. Wie dabei
vorzugehen ist, prüften wir anhand der Situation nachhaltiger
Anlagen in asiatischen Schwellenländern. Die Analyse
brachte ein beträchtliches Gewinnpotenzial zu Tage.
Die Verfügbarkeit aufschlussreicher Daten zur Nachhaltigkeit
asiatischer Firmen wird von Anlegern offenbar unterschätzt.
Neben staatlichen Vorschriften beeinflussen
auch die Börsen Asiens durch entsprechende Richtlinien
und die Lancierung von Nachhaltigkeitsindizes die Nachhaltigkeits-
Berichterstattung von Unternehmen massgeblich.
Dank der stark angestiegenen Datenverfügbarkeit
können bereits heute die jeweils nachhaltigsten Unternehmen
identifiziert werden. Für Anleger ist dabei besonders
entscheidend, dass die Unterschiede zwischen den Nachhaltigkeitsvorreitern
und den Schlusslichtern in Asien heute
weit grösser sind als in Industrieländern – mit den entsprechenden
Risiken und Chancen.
Dennoch sind nachhaltige Anlageansätze in Asien mit
einem Volumen von ca. USD 20 Milliarden im Jahr 2009
noch in der Entwicklungsphase. Nachhaltige Anlagen in
Asien machen damit nur ca. 0.4 % aller weltweit verwalteten
nachhaltigen Anlagen aus. Studien ergeben, dass
Anleger signifikante Beträge von dieser fundamental hochinteressanten
Region fernhalten. Sie sind unsicher, wie sie
Nachhaltigkeitsrisiken begrenzen und gleichzeitig Anlagechancen
nutzen sollen. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit
von nachhaltigkeitsbezogenen Daten und Finanzprodukten
könnten sich die nachhaltig verwalteten Vermögen
in Asiens Schwellenländern dem globalen Durchschnitt angleichen
und bis 2015 auf USD 1.5– 4 Billionen ansteigen.
Dafür sind aber Produkte notwendig, die auf genügend
Ressourcen und Fähigkeiten basieren, um entsprechend
Daten richtig einschätzen und in den Anlageprozess integrieren
zu können. Für Anleger wichtig sind: ein klar definierter
Ansatz zur Abgrenzung von Nachhaltigkeitsvorreitern
und -Schlusslichtern sowie Nachhaltigkeitsexperten
und Portfoliomanager mit lokaler Erfahrung und eindeutig
definierter Zuständigkeit. Weiterhin deuten glaubhafte,
informative und aussagekräftige Publikationen zu
Finanzdaten und Nachhaltigkeitsfragen auf Meinungsführerschaft
hin und können Anlegern aufschlussreiche
Informationen bieten.
Aus ethischer Sicht kommt den Anlegern eine zentrale
Rolle zu. Sie beeinflussen die Priorität massgeblich, die
Gesetzgeber und Unternehmensführer der nachhaltigen
Entwicklung beimessen. Da aber die Nachhaltigkeitsinitiativen
und Datenverfügbarkeit nach wie vor unterschätzt
werden, ist dieses wichtige Thema noch nicht in der Bewertung
von Unternehmen und Wertpapieren berücksichtigt.
Das starke fundamentale Wachstumspotenzial von
Anlagen in Asiens Schwellenländern und eine solche
asymmetrische Informationslage eröffnen Anlegern und
Vermögensverwaltern hochattraktive Chancen auf Portfoliogewinne,
sowie Letzteren eine vorteilhaftere Wahrnehmung
ihrer treuhänderischen Pflichten. Die gesamte studie in englischer sprache können sie hier >>> herunterladen.